Vor mehr als einem halben Jahr wurde das Übergangsheim für Geflüchtete in Flecken Zechlin vom Landkreis OPR in Betrieb genommen. Derzeit leben in dem ehemaligen Hotel, das der Landkreis angemietet hat, mehr als 100 Personen, zumeist Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderungen. Die befürchteten Probleme sind nicht eingetreten – das Miteinander funktioniert.
Bei einem Informations- und Austauschgespräch in der Unterkunft in Flecken Zechlin, an dem unter anderem Landrat Ralf Reinhardt, Sozialdezernent Andreas Liedtke, die Leiterin des Amtes für Migration, Dorina Hortig, Pfarrer Jan Branding, der Vorsitzende des Rheinsberger Sozialausschusses, Mario Stärck, der CDU-Stadtverordnete Günter Steffens, Bürgermeister Frank-Rudi Schwochow sowie regionale Pressevertreter:innen teilnahmen, wurde der Blick auf die zurückliegenden Monate gerichtet, aber auch aktuelle Themen wurden angesprochen.
"Das erste halbe Jahr ist insgesamt gut verlaufen", bilanzierte Landrat Ralf Reinhardt. Die im Vorfeld geäußerten Sorgen und Ängste, Flecken Zechlin könne mit dem Flüchtlingsheim überfordert werden, hätten sich nicht bewahrheitet. Er danke allen, die zum guten Gelingen und Miteinander einen Beitrag leisteten. Manche Dinge hätten jedoch schneller laufen können, merkte der Landrat kritisch an, wie etwa die Fertigstellung eines Spielplatzes auf dem Gelände der Unterkunft, der dann für alle Kinder öffentlich zugänglich sein soll. Hier stehe man weiter mit dem Eigentümer des Grundstücks in Kontakt, um beim Spielplatz voran zu kommen. Auch die weiter bestehenden Probleme mit den Brandmeldern im Gebäude, die zum Teil zu Fehlalarmen führten, müssten gelöst werden. "Die dadurch entstehenden Negativschlagzeilen in der Öffentlichkeit behindern die Integrationsarbeit", erklärte Landrat Ralf Reinhardt.
Von Seiten der Polizei werde kein erhöhtes Sicherheitsrisiko durch das Übergangsheim gesehen. So hat sich beispielsweise die öffentlich verbreitete Behauptung, ein Bewohner des Übergangsheims habe an einer Bushaltestelle hilflos gelegen, als haltlos erwiesen, nachdem die Polizei vor Ort war. Es hatte sich lediglich um einen deutschen Staatsbürger gehandelt, der auf den Bus wartete. In diesem Zusammenhang kritisierte der Landrat scharf die immer wieder in diversen sozialen Medien von bestimmter Seite bewusst verbreiteten "Märchengeschichten" rund um die Unterkunft, die nachweislich nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben.
Dorina Hortig, Leiterin des Amtes für Migration, erläuterte den Anwesenden die aktuellen Belegungszahlen des Übergangsheims, das mit großen Räumen, rollstuhlgerechten Türen und Aufzügen besonders auf die Bedürfnisse von Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderungen abgestimmt ist. Derzeit leben dort 104 Menschen aus zwölf Nationen. Mehr als 120 Personen sollen aber nicht untergebracht werden. Von den 30 Kindern im Heim sind bereits 21 in Kita oder Schule vermittelt; für die neun zuletzt zugewiesenen Kinder laufe die Vermittlung und werde in den nächsten Wochen abgeschlossen.
Betreut werden die Bewohner:innen von einem Heimleiter, drei Migrationssozialarbeiter:innen sowie einem dreiköpfigen Wachschutz-Team, das rund um die Uhr vor Ort in Bereitschaft ist. Mit der Polizei besteht eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Belegung der Unterkunft unterliege einem sehr dynamischen Geschehen, berichtete Dorina Hortig. Es gebe immer wieder Ein- und Auszüge, außerdem erfolgten Zuweisungen von der zentralen Aufnahmestelle des Landes. "Das Wohnheim ist kein Gefängnis", betonte die Amtsleiterin. Es bestehe für die Bewohner:innen kein Zwang, sich dort dauerhaft aufzuhalten.
Außerdem wurde über die verschiedenen Integrationsangebote im Übergangsheim gesprochen. So ist der Kreissportbund OPR unter dem Motto "Sport baut Brücken" mehrere Male in der Woche vor Ort, um Kinder und Erwachsene für Spiele und Bewegung zu begeistern. Darüber hinaus gibt es weitere Integrations- und Sprachkurse für die Menschen. Ab dem kommenden Montag bietet zudem ein freier Träger an vier Tagen pro Woche Integrations- und Deutschkurse direkt im Haus an – flankiert durch Angebote der Volkshochschule.
Insgesamt sei ein sehr gutes Miteinander zu spüren, ob nun bei gemeinsamen Kinoabenden oder beim Kochen in der Gemeinschaftsküche, bilanzierte Dorina Hortig. Auch die neue Kleiderkammer im Kellergeschoss, die allen Menschen in der Region als Anlaufstelle zur Verfügung steht, werde gut angenommen, auch von Einheimischen. Kleiderspenden seien jederzeit willkommen. Auch der Rheinsberger Bürgermeister bewertete die Kleiderkammer als positiven Aspekt.
Andreas Liedtke, Sozialdezernent des Landkreises OPR, ging auf das Thema ein, wie Menschen mit Fluchthintergrund in der Region in Arbeit gebracht werden können. Derzeit betreut der Landkreis OPR rund 2.600 Asylbewerber mit unterschiedlichem Status. 687 Menschen konnten erfolgreich in Arbeit vermittelt werden, 700 weitere fanden über das Jobcenter eine Beschäftigung. "Wir sind hier sehr erfolgreich, wie auch die Rückmeldungen von Seiten der Arbeitgeber zeigen", so Andreas Liedtke. Er verwies auf das Unternehmen Swiss Krono in Heiligengrabe, wo einige Bewohner des dortigen Übergangsheims inzwischen sozialversicherungspflichtig beschäftigt seien und die betriebsinterne Sprachförderung nutzten – bei rund 30 Nationalitäten im Unternehmen ein funktionierendes Modell.
Darüber hinaus betonte Liedtke die Rolle des Landkreises als Vorreiter: OPR sei einer von nur zwei brandenburgischen Landkreisen, die ein ESF-Plus-Projekt mit einem Gesamtvolumen von 1,3 Millionen Euro über vier Jahre umsetzen – ein Integrationsprogramm, das ausdrücklich auch deutschen Jugendlichen offensteht. Mit Blick auf den Standort Flecken Zechlin ordnete Liedtke die Verhältnisse ein: Bei 104 Bewohner:innen der Unterkunft und rund 700 Einwohner:innen im Ort sei die Relation deutlich unkritischer als etwa in Heiligengrabe, wo 80 Bewohner:innen auf 500 Einwohner:innen kämen. Als weiteres Beispiel nannte er Gnewikow kurz nach Beginn des Ukrainekrieges, als 600 Geflüchtete auf 299 Einheimische trafen. Entscheidend sei, so der Sozialdezernent, was vor Ort, wie in Flecken Zechlin, tatsächlich passiere: Die Kinder gehen in Kita und Schule, die Kita im benachbarten Dorf Zechlin profitiere sogar von den Anmeldungen aus dem Übergangsheim und sichere damit ihren Fortbestand. Auch das Engagement aus der Nachbarschaft stimme ihn zuversichtlich.
Landrat Ralf Reinhardt unterstrich zudem erneut die Bedeutung guter Sprachkenntnisse bei der Integration. "Es kommt nicht nur darauf an, ein paar Worte Deutsch zu können. Es braucht gerade im Berufsalltag mehr als das, um integriert werden zu können. Dafür tun wir schon einiges mit unseren angebotenen Sprachkursen, aber es kommt auch sehr auf die Eigeninitiative und Bereitschaft der Menschen selbst an, bei uns ankommen zu wollen. Viele positive Beispiele, auch aus Flecken Zechlin, zeigen, wie das gelingen kann", erklärte der Landrat.
Am Ende des Informations- und Austauschgesprächs zog auch Pfarrer Jan Branding von der Evangelischen Kirchengemeinde Zechliner Land ein zuversichtlich stimmendes Zwischenfazit: "Natürlich waren zu Beginn die Ängste und Sorgen der Menschen in Flecken Zechlin groß, was da auf sie zukommt. Aber nach der Inbetriebnahme der Unterkunft waren viele, die vorher eher skeptisch waren, doch positiv überrascht."